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Spannung, Spiel und Second Hand - Das Ü-Ei aus dem Tierschutz

Risiken und Nebenwirkungen der Anschaffung eines Hundes aus dem (Auslands-)Tierschutz

Die Wunschvorstellung derer, die einen Hund aus dem Tierschutz adoptieren, besteht oft darin, einen Hund zu sich zu nehmen, der einem dies sein Leben lang dankt und sich aufgrund seiner Dankbarkeit völlig problemlos integrieren lässt und den Alltag mit einem teilt. Leider sieht die Realität oft anders aus und es kann (nicht muss) zu massiven Problemen mit dem neuen Familienmitglied kommen. Hey Fiffi-Trainerin Daniela Maletzki plaudert ein wenig aus dem Nähkästchen in Sachen Tierschutzhund.

Risiko Tierschutzhund

Tierschutz ist nicht gleichbedeutend mit "Problem"!

Eins gleich vorweg: Hunde aus dem Tierschutz sind nicht grundsätzlich Problemhunde. Viele haben völlig unverschuldet, ohne dass es je zu Problemen kam, ihr Zuhause verloren, beispielsweise durch Erkrankungen oder Tod des Besitzers, veränderte Lebensumstände wie Umzug, Jobwechsel, Scheidung und daraus resultierend Zeit- oder Geldmangel. Viele Hunde, sowohl aus dem Auslandstierschutz als auch aus einem deutschen Tierheim, lassen sich problemlos in ihre neue Familie und deren Alltag integrieren. Dieser Artikel ist also keinesfalls dazu gedacht, generell davon abzuraten, dir einen Hund aus dem Tierschutz anzuschaffen! Er soll einfach aufzeigen, mit welchen Schwierigkeiten du eventuell rechnen musst, so dass du dich darauf einstellen kannst. Leider habe ich nämlich schon oft erlebt, dass Hunde ihr neues Zuhause schnell wieder verlassen mussten, weil die Besitzer nicht mit ihren „Macken“ gerechnet hatten und nicht wussten, was auf sie zukommt.

Abenteuer Second-Hand-Hund

Darüber solltest du dir im Klaren sein: Gerade bei Hunden aus dem Auslandstierschutz kommt es häufig vor, dass diese ein Leben in häuslicher Umgebung gar nicht kennen und daher zum Beispiel auch keine haushaltsüblichen Geräte wie Mikrowellen, Staubsauger und so weiter. Das Leben in einem Haushalt, also in beengten Verhältnissen, die ihre Bewegungsfreiheit einschränken, zusammen mit fremden Menschen und unbekannten lauten Geräten, kann starken Stress bis hin zu Panik bei diesen Hunden auslösen.

Probleme, die auftreten können

Die Hunde können auch nicht wissen, dass Möbel keine Kauartikel im XXL-Format sind
Viele Hunde ziehen sich auch erst einmal zurück und man bekommt sie gar nicht zu sehen.
Es kann auch vorkommen, dass die Hunde nicht stubenrein sind, weil sie es nie gelernt haben, nach einem Aufenthalt im Zwinger wieder verlernt haben oder weil sie einfach unter sehr großem Stress stehen.
Es kann also sein, dass du auch mit einem erwachsenen Hund wie mit einem Welpen die Stubenreinheit trainieren musst.
Dies wird bei Hunden aus dem Ausland häufig zusätzlich dadurch erschwert, dass sie draußen ängstlich sind und nicht die Ruhe und Sicherheit haben, die sie brauchen, um sich zu lösen.
Manche Hund sind auch mit dem Tragen von Halsband (grundsätzlich würde ich ein Brustgeschirr, bei einem Angsthund sogar ein Sicherheitsgeschirr, bevorzugen) und Leine gar nicht vertraut.
Viele Hunde sind nicht leinenführig, können (und sollten) aber auch nicht abgeleint werden.
Es kann aber auch sein, dass der Hund vielleicht in der ersten Zeit überhaupt gar nicht dazu zu bewegen ist, nach draußen zu gehen oder das nähere Umfeld seines zu Hauses zu verlassen.
Die schon so lang ersehnten und geplanten Spaziergänge durch Wald und Feld müssen dann vielleicht noch eine Weile aufgeschoben werden.
Gerade Hund aus dem Ausland zeigen häufig ein sehr starkes jagdliches Interesse.
Viele dieser Hunde gehören in die Kategorie Jagd- oder Hütehunde oder sind Mischlinge aus diesen Rassen. Das diese Hunde im Tierschutz gelandet sind bedeutet nicht, dass die nicht jagen. Sie sind vielleicht einfach während einer Jagd verloren gegangen oder konnten aus anderen Gründen nicht für die vorgesehene Arbeit verwendet werden.
Erschwerend kommt hinzu, dass bestimmte Jagdformen aus anderen Kulturen zu schwieriger zu kontrollierenden Hunden führen, da bestimmte Rassen nicht darauf selektiert sind, eng mit dem Menschen zusammen zu arbeiten.
Und auch hier spielt Stress wieder eine große Rolle: Der Hund jagt (selbstbelohnendes Verhalten) vermehrt, um Frust und Stress abzubauen.

Weitere häufig auftretende Probleme können sein:

  • Angst- und/oder Aggressionsverhalten
  • Ressourcenverteidigung
  • Territoriales Verhalten (häufig Einschlag von Herdenschutzhunden bei Hunden aus dem Ausland)
  • Unverträglichkeit mit Artgenossen (auch bei Hunden, die im Tierheim, in einer Auffangstation oder auf der Pflegestelle mit anderen Hunden zusammengelebt haben)
  • Leinenaggression
  • Trennungsstress (auch bei Hunden, die in einem vorherigen zu Hause problemlos alleine geblieben sind)

Gesundheitliche Probleme

Leider muss auch mit dem Auftreten gesundheitlicher Probleme gerechnet werden.
Aufgrund vorheriger Haltungsbedingungen, schlechter und/oder ungenügender Ernährung oder vielleicht wurde der Hund in der Vergangenheit bei Krankheit oder Verletzungen nicht ausreichend medizinisch versorgt. Je nachdem, wo der Hund herkommt, können auch sogenannte "Mittelmeerkrankheiten" eine Rolle spielen, die aufgrund langer Inkubationszeiten und unspezifischer Symptome nicht immer leicht zu erkennen sind.

Das Überraschungs-Ei

Das Gemeine ist, dass sich manche Probleme erst einige Zeit nach der Ankunft zeigen können, wenn du selbst gar nicht mehr damit rechnest. Nämlich dann, wenn dein Hund sich eingewöhnt hat, angekommen ist und sich sicherer fühlt. In der ersten Zeit ist dein Hund meist durch all die neuen Eindrücke so überrumpelt und gestresst, dass problematisches Verhalten gehemmt ist. Gerade Angst hemmt andere Verhaltensweisen sehr stark. Zum Glück gibt es heutzutage gute Literatur, Seminare und spezialisierte Hundeschulen, wenn es um den Hund aus dem Tierschutz geht. Hier solltest du dich unbedingt vorher eingehend informieren. Trotzdem solltest du auch schon vor dem Einzug des Hundes vorgesorgt haben, nur für den Fall wenn… und dich nach einer guten Hundeschule umgucken.

Deinen Traumhund kannst du überall treffen

Grundsätzlich sollte die Entscheidung, einem Hund ein neues Zuhause zu geben, immer sehr gut durchdacht sein, ganz egal woher der Hund kommt. Im Übrigen sehe ich persönlich es so, dass jeder selbst entscheiden sollte, woher sein Hund kommt (ausgenommen natürlich irgendwelche dubiosen Quellen), und dass es unter Hundehaltern nicht notwendig ist, sich gegenseitig anzufeinden, nur weil der eine Hund vom Züchter kommt, der andere aus einem deutschen Tierheim, der dritte aus einem ausländischen Tierheim, aus dem Tierschutz, aus dem Auslandstierschutz, etc. Das nur so nebenbei.


   Foto: Lara Meiburg Photographie

Originalbeitrag geschrieben für und veröffentlicht auf hey-fiffi.com